Im Matheunterricht musste ich immer dabei sein wenn Rechenspiele gespielt wurden. Ich war Zivi in einer Grundschule und betreute eine dritte Klasse. Die Mathelehrerin sagte mir irgendwann am Anfang meiner Dienstzeit: "Mama, du musst bei den Rechenspielen dabei sein, weil ich nicht schnell genug bin für Arnela". Diese Rechenspiele liefen immer so ab, dass zum Beispiel eine von vier Sechsergruppen eine Aufgabe stellte und die anderen die Lösung in die Klasse rufen durften. Der Clou war, dass dabei alle auf den Tischen standen und pro gelöster Aufgabe nach und nach ihre Körperteile auf den Boden zurückbringen konnten. Jedenfalls war Arnela so schnell, dass auch ich mich ziemlich konzentrieren musste, um schneller zu sein und somit der Mathelehrerin mit einen kaum merklichen Nicken bestätigen zu können, dass sie die Aufgabe richtig gelöst hatte. Arnela war nicht nur in Mathe sehr gut, sondern auch in allen anderen Fächern. Sie sprach und schrieb sehr viel besseres Deutsch als die meisten anderen Kinder der Klasse, außerdem war sie ein wunderschönes kleines Mädchen mit glatten braunen Haaren und braunen Augen die immer ein klein wenig zu traurig wirkten. Zu Beginn war sie - wie alle anderen Kinder auch - sehr argwöhnisch, denn ich war nun schon der vierte Zivi den sie in ihrer kurzen Schulkarriere erlebten. Aber irgendwann gab sie mir zu verstehen, dass sie mich wohl doch irgendwie leiden könnte. Ihren Vater kannte ich zufällig schon, er war ab und zu bei uns im Verein und spielte mit uns Basketball. Er hatte diesen typischen Balkanstil drauf, körperbetont, guter Wurf, cleveres Reboundverhalten und ein perfekter Hookshot. Zu seinen beiden Töchtern Arnela und Arna war er immer sehr ernst und sehr streng, aber aus seinen Augen sprach nicht nur die Zuneigung sondern immer auch die Verwunderung was für wunderbare Menschen dort heranwachsen. Mir sagte er einmal, dass er dankbar wäre hier sein zu dürfen, dass er gerne noch so lange hier bleiben würde, bis die beiden Mädchen die Grundschule beendet hätten. Einmal fragte Arnela mich, ob ich einen Hund hätte. Nein, leider nicht. „Früher in Bosnien hatten wir einen riesigen Garten, dort habe ich immer mit unserem Hund gespielt“. Jedes dieser Worte sprach sie wie immer überdeutlich aus, so dass ich manchmal das Gefühl hatte jemand hätte sie als Sprachtherapeutin gesandt um mein undeutliches Genuschel zu korrigieren. Nach dem Satz verstummte sie und war mit ihren Gedanken an einem anderen Ort in einer anderen Zeit. Beim grossen Weihnachtsgottesdienst war Schwester Theresa da und als sie in ihrem Gebet um den Frieden im Kosovo bat blickte Arnela auf und sie und Arna sahen sich von der einen in die andere Ecke der Schulaula lange an. Im Februar kam sie an einem Mittwoch dann nicht in die Schule und die Klassenlehrerin musste den Kindern erklären, dass Arnela wohl bald abgeschoben wird. Trotz Briefen und Unterschriften der ganzen Schule war sie dann im April nicht mehr da. Ich wüsste gerne wie es ihr heute geht.

 
sach selber was   von Mama