er hat Erfahrung im Politgeschäft, ist Mitglied der FDP. Die drei Buchstaben flüstert er fast, es ist ihm etwas peinlich. Inzwischen teilt er die „neoliberalen“ Vorstellungen seiner Partei nicht mehr, hat aufgehört Mitgliedsbeiträge zu zahlen.[...]„Wir sind nicht auch noch für Frieden und Weltrevolution. Das bringt nichts“[...]Bei der Besetzung des Büros von Wissenschaftssenator Thomas Flierl habe die Polizei den Studenten sogar ihr Mikrofon ausgeliehen[...]„Ich lerne gerne“, sagt sie plötzlich in die Stille. Es ist ein seltsamer Satz, viele Studenten sagen ihn während der Gespräche. Es klingt fast, als fürchteten sie, Bildung würden ihnen bald verboten.

Wer seid ihr eigentlich?

 
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Eine gute Demo. Groß. Viele. Bestimmt 20000-30000 Leute. Jetzt auch wieder mit den Politsekten. Klar, da findet sich ja auch viel Mobilisierungspotential auf so einer Demo. Zum Beispiel dabei: Linksruck. Sieht man auf den ersten Blick, das einheitliche Erscheinungsbild der Laufsoldaten, die von ihren Gurus die Plakate in die Hand gedrückt bekommen haben. Durch das Megaphon schreit eine ihrer üblichen Vorgesetzten° Parolen. "IHR SAGT KÜRZEN" - die Laufsoldaten antworten:"WIR SAGEN KAMPF!". Auch ML-Fuzzis laufen rum, sehr viele Fahnenschwenker heute. IG Metall, Verdi, Attac, FDJ (!), vereinzelt sieht man auch Studenten. Vom Brandenburger Tor geht es los, auf zum Potsdamer Platz. Ich bin ein wenig schlecht gelaunt, da die Leute mit denen ich hingehen wollte keine Lust hatten, es regnet schließlich. Aber auch nicht schlecht, so kann ich mich durch die Demo treiben lassen, die Stimmungen aufsaugen. Erst laufe ich hinter den Ethnologen her, die wieder ein schönes Indianer-Spektakel darbieten. Dann hinter den Leuten von der in der Abwicklung befindlichen Landwirtschaftlichen Fakultät. Ein paar Slogans auf Plakaten gefallen mir gut. "Mit leerem Kopf nickt es sich besser". Am Potsdamer Platz gibt es eine Zwischenkundgebung. Redebeiträge von verschiedenen Gruppen, unter anderem einer von der "Gruppe für Legalisierung" - vom Band, aus Angst die Polizei könnte die Illegalen gleich einkassieren. Ein schöner Beitrag. Die Frau von der HU, die das ganze moderiert hat leider eine schreckliche Stimme. Es tut jedes mal in meinen Ohren weh, wenn sie laut wird. Und sie wird laut. Nicht zu knapp. Sie spricht von Widerstand, wir können auch anders, bildet Banden, wir machen ab Montag unsere eigene Uni, der Streik läuft weiter, bis unsere Forderungen erfüllt sind. Nach den Redebeiträgen spielen sie "All Together Now" und es geht weiter zum Alex. Ich hab mich jetzt in den Sozialrevolutionären Block geklemmt, der Antifa-Wagen hat entgegen meinen Erwartungen die beste Musik. Dann ein Redebeitrag von "Berlin Umsonst". Wir wollen nur das, was uns sowieso zusteht - alles. Jemand drückt mir einen winzigen Flyer in die Hand. Ein Einkaufsgutschein der Galerie Lafayettes über zehn Euro. Ich muss schmunzeln. Es geht aber kaum einer hin um ihn einzulösen wie es aussieht. Ein 60-Jähriger läuft neben mir, diskutiert wild mit einem jungen Mann. Der alte sieht recht alternativ aus, der junge eher Typ Bänker. Der Clou ist der: der alte Typ trägt eine PDS-Fahne. Jaja, ganz recht, auf der Demo die gegen die Politik der PDS demonstriert läuft ein PDS-Mitglied mit. Er sagt dem Bänker, dass doch die Studenten zur PDS kommen könnten, da könnten sie wirklich was verändern. Am Tag zuvor noch verkündete der Wissenschaftssenator Flierl auf einer Podiumsdiskussion in der TU dass die Studenten froh sein könnten mit der niedrigen Summe von nur 75 Millionen Kürzungen. Das sei ein Verhandlungserfolg gewesen. Er fände ja auch die Kürzungen falsch, aber da könne man nix dran ändern. Als er das verkündet hatte, wurde er zum Rücktritt aufgefordert. Kein Wunder bei so einer schizophrenen Politik. Aber der alte Typ mit seiner PDS-Fahne ist kritikresistent. Die Abschlusskundgebung ist leider ziemlich lahm. Zuerst spielt irgendeine Ska-Band. Nach drei Liedern verkünden sie:"Nach dem Geschwafel spielen wir noch ein paar Lieder". Ich gehe nach Hause. Eine gute Demo.

° Ich kenne sie noch von einer Uni-Gruppe in der es um die kritische Betrachtung der Globalisierung ging. Sie schlug immer dezent mit der Faust auf den Tisch während sie redete um ihren Aussagen Kraft und Wirkung zu verleihen. Sie sprach oft vom gerechten Kampf der Palästinenser, vom Recht auf bewaffneten Widerstand, von Besatzern, von einer riesigen Bewegung von unten. Wenn man ihr geschwafel hinterfragte antwortete sie immer nur "Hier, unsere Linksruck-Zeitung. Da steht das alles genau drin, da braucht man dann nicht immer alles selber suchen"

 
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Der Taxifahrer steigt aus seinem Auto. "Was soll denn der Mist? Ich verdiene so mein Geld, ich muss doch auch essen!" - die Studenten schweigen und blockieren weiter den Kreisverkehr. Sie machen keine Anstalten etwas zu erklären. Sie stehen da und halten die Plakate. Eine Frau springt aus ihrem Auto, sie sieht aus wie die Schreinemakers nach 40 Kilo Trüffelessen. "Was soll denn das hier? Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit euch!". Wenigstens hat sie scheinbar so halbwegs die Situation erfasst, mit dem Studieren soll schluss gemacht werden in Berlin. Reclaim The Streets. Ja, es wird sich gewehrt. "Macht doch mal was sinnvolles, geht doch mal zu den Politikern." - "Da waren wir ja schon". Schweigen. Auch ich frage mich, was genau diese Aktion wohl bringen wird, was im Endeffekt hängen bleibt. Eine Gruppe junger Heißsporne springt aus der tiefergelegten Prollkarre raus. Das Atmen fällt schwer bei der Testosteronkonzentration die plötzlich in der Luft vorherrscht. "Ey, wassollnderscheißhieralta! Verpissteuchmaloderesgibtstressalta" - Keine Reaktion, höchstens ein müdes "Bleibt mal locker". Aber man merkt, das kann schnell kippen. Die Jungs fühlen sich natürlich direkt in ihrem Stolz verletzt. "Waswillsnduwixeralta? Wirwollnhierdurchalta!" Nachdem wieder keine Reaktion kommt werden sie Handgreiflich, zerren am Plakat und versuchen die Leute zurückzudrängen, aber sie stehen geschlossen da. Nicht schlecht. Nach zwei weiteren Sprossen nach oben auf der feingliedrigen Eskalationsskala wird auch einer der Studenten wild. "MAN! LASS DEN SCHEISS ALTA!". Auch mir wird langsam mulmig, ich überlege, was zu tun ist, bei diesen Aggressionen wird einem schon ein wenig schlecht. Einige Schüler sehen das ganze. "Ey, komm, lass uns mal mitmachen. Den Scheiss-Studenten können wir es mal auf die Fresse hauen". Sie gehen aber dann doch lieber nicht hin. Ein grauhaariger Mann mit Zottelbart, Typ Reformhaus-Kunde steht inzwischen neben mir um das Schauspiel zu betrachten. "Das sind doch ausländische Nazis!" sagt er zu mir. Jetzt ist mir richtig schlecht. Ich sehe ihn angewidert an und bekomme angst. Da tut einer so als wolle er Sympathie Kundtun um seinen Ausländerhass rauszulassen. Klar, das sind agressive Idioten, aber solche Vergleiche... ich frage ihn, was er genau damit sagen will. Ob ihm klar ist, was er alles relativiert mit so einem Satz? Ob bei ihm das Bedürfnis besteht, Schuld die sich nicht aus der deutschen Geschichte tilgen lässt bei Ausländern zu suchen, um sein Heimatland in ein besseres Licht zu rücken? Das will ich ihn Fragen, aber er ist schon weiter. Mit einer abschätzigen Handbewegung hat er mich abgespeist. Die Situation hat sich scheinbar etwas entspannt. Die Jungs haben eine Lücke im Bordstein gefunden an der auch ihre Prollkarre unbeschadet hochkommt. Sie fahren über den Gehweg an der Blockade vorbei, treten das Gaspedal dann voll durch als sie wieder auf der Strasse sind. Einer von ihnen hat sich noch aus dem Fenster gelehnt und brüllt die Leute an der anderen Blockade im Vorbeifahren an. "Ihrscheisswixerichbringeuchum!".

Nicht auf irgendein Ziel gerichtet, keine Botschaft transportiert, keine Informationen verteilt, keine Forderung gestellt. Aber, man hat etwas gemacht. Man war unbequem. Man muss sich ja wehren. Ja, so holt man sich Sympathie ins Haus.

 
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Dieser Satz sprang mir eben schon in der U-Bahn ins Auge, dort allerdings mit Bild: Stecken die Streik-Studenten hinter der fiesen Säge-Attacke?

Die Baum-Attentäter veröffentlichten ihr Schreiben auf einer Unistreik-Internetseite.

Man habe den Baum in der Nacht zu Sonnabend angesägt, heißt es in der Mitteilung. Der Sturm ließ die Spitze dann abbrechen, an ihrer Stelle hing ein Transparent: "Gekürzt". In dem Schreiben steht mit drohendem Unterton: "Dieses Mal war es nur ein symbolischer Akt."

Ja, die Weihnachts-Vandalen, die Baum-Attentäter, die anonymen Säger, die Besetzer. In der U-Bahn empörte sich dann auch eine Frau, sie sprach recht laut alle anderen Fahrgäste an. "Die Spinnen doch, die Studenten, rennen nackig rum und wollen noch mehr Geld während ich hunger haben muss". Sie sah mich böse an als ich lachen musste, aber es ging nicht anders als sie, vorsichtig ausgedrückt eine wohlgenährte Person, vom Hunger sprach, eine Schnapsflasche in der Hand. Nachdem sie ausgestiegen war, ging ein Schnorrer durch die Reihen und bat um etwas Geld. Eine Frau sagte laut und deutlich zu ihm:"Nein. Ich gebe nie Geld". Sie sah sich entschlossen um, erwartete, dass wir anderen Fahrgäste bestätigend nicken. Was erdreistet sich auch jemand nach Geld zu fragen? "Wird ja eh alles für Alkohol ausgegeben". Die Frau und der Schnorrer stiegen dann beide am Zoo aus, bis zum Kudamm versuchte dann aber noch ein anderer sein Glück. Er erzählte allerdings nicht wie der vorherige, ob er arbeits- und obdachlos ist. An der Uni habe ich mal wieder nichts vom Streik mitbekommen. Ausser das die Fakultät I - Geisteswissenschaften - ihre Vollversammlung hatte. Es gibt unter meinen WiWi-Kommolitonen übrigens Menschen, welche das wider besseren Wissens "Volksversammlung" nennen. "Was soll der scheiß Streik, ich will doch einfach nur studieren!" sagen sie. Nein, sie sind nicht wirklich an ihrer Umwelt interessiert, sie wollen Unternehmen leiten. Am besten sollte man ihrer Meinung nach diese blöde Fakultät I sowieso abschaffen, Geisteswissenschaften haben doch nichts an einer technischen Universität verloren. Und überhaupt: was üben die denn für Berufe aus später?

In der Cafeteria habe ich mich gestern noch mit einem Freund darüber unterhalten, dass das schönste an einer Steuerreform die ein allseits verständliches Steuersystem schaffen würde wäre, dass dann wohl all die BWLer die sich ihr Leben lang auf irgendwelche steuerrechtlichen Fragen spezialisiert haben gezwungen wären etwas sinnvolles zu tun. Wenn alles einfach wäre, könnte dann nicht jeder was davon haben?

 
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Was bringt so eine Flitzeraktion? Na, natürlich stürzt sich der 'Piegel drauf, wie immer wenn es auch nur einen Hauch von nacktheit gibt. Und dem steht die BZ in nix nach: Fetter Titel heute: Brrr! Friert ihr nicht?

 
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