[Buecher] Mo., 3.11.03 - Mama Der Interview-Unfug
An sich handelt es sich bei den junk journalists um respektable Allerweltsmenschen. Vor hundert Jahren wären sie Pferdekutscher oder Näherin geworden. Doch sie leben heute und haben daher Abitur und fühlen sich somit für normale Tätigkeiten unumkehrbar überqualifiziert. Sie könnten so wunderbar Kartoffeln schälen, aber sie wollen urteilen und durchschauen, Menschen von vermeintlichen Podesten stoßen, nachweisen, daß alle nur mit Wasser kochen. Unter ihrer Elendigkeit, ihrem Wissen, daß sie letztendlich doch nur das Altpapier von übermorgen produzieren, heimlich leidend, zerren sie alles, was evtl. ein wenig herausragt, auf ihre eigene Durchschnittlichkeit herunter. Warum sollte man nun Menschen, die in ihrem Leben nie einen eigenen Gedanken oder auch nur eine eigene Idee gehabt haben, die Hitze für schönes Wetter, Geigen für Kitsch, Arbeit am Detail für "Gefrickel" und Nina Hagenn für schrill halten, warum sollte man denen zur Verfügung stehen, ihnen ihre unausrottbaren Lieblingsfragen beantworten: Wie kommt man nur auf so etwas? und Kann man davon leben? und Ist nicht jeder Mensch ein bißchen eitel? [...] Der Standard ist heute kenntnislose Bissigkeit. Da im Gespräch mit echten Berühmtheiten das erwünschte Pampigkeits-Level nicht immer ohne Schaden - Abbruch des Gesprächs - zu erzielen ist, werden die Fragen zur Drucklegung im nachhinein hochfrisiert, was zu den unanständigsten Tricks und Sitten des Journalismus zählt. Ich erinnere mich an ein Interview, das eine Autorin des Berliner "tip"-Magazins mit David Bowie führte. Ihre erste Frage war im Heft so wiedergegeben: "Ihre Achziger-Jahre-Alben waren ja alle grauenhaft. Wie kommt's, daß sie plötzlich wieder etwas halbwegs Hörbares produziert haben?" Sonnenklar unter Inhabern von Menschenkenntnis ist: Nie im Leben hat sie ihm diese Frage gestellt! Keine kleine Stadtmagazinschreiberin nähert sich einem in seiner Hotelsuite Audienz haltenden Weltstar auf eine so herablassende Art. Sie wird vermutlich mit Schüchternheit und ihren Englischkenntnissen gerungen haben: "Ihr neues Album hat ja viel bessere Kritiken bekommen als ihre letzten. Durchleben Sie gerade eine besonders kreative Phase?" Hinterher wurde die Frage dem allgemeinen selbstbewußt tönenden Kläffsound angepaßt, inzwischen eine gängige Praxis, nachzuprüfen allwöchentlich im "Spiegel".
[Politik] Mo., 3.11.03 - Mama Ein ganz normaler Monat Deutschland
Da kommt so ein rechtsradikaler Vollpfosten und schwingt eine beschissene Rede bei der sicher viele dachten "genau, endlich sagts mal einer" und einen Monat später ist die Erregung gross. Ihr wollt was tun gegen braunen Stumpfsinn? Packt es an, diese Arschlöcher sind reichlich am Start hier im Land:
In Berlin ist die Anzahl der Delikte mit rechtsextremem Hintergrund im vergangenen Jahr stark angestiegen, teilte der der Verfassungsschutz in der vorigen Woche mit. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich die Zahl solcher Straftaten im Jahr 2002 von 455 auf 948 nahezu verdoppelt. 25 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund ereigneten sich in den vergangenen Wochen im Raum Backnang im Landkreis Rems-Murr (Baden-Württemberg). Horst Häfele, der Leiter des Staatsschutzes und der Koordinationsstelle gegen Rechtsradikalismus bei der Polizeidirektion Waiblingen, bestreitet aber, dass der Landkreis eine »Hochburg des Rechtsradikalismus« sei, wie kürzlich das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz erklärte. »Auch in anderen Landkreisen gibt es Skinheads. Die Frage ist, ob sie dort auch wahrgenommen werden«, sagte er am 20. September der Stuttgarter Zeitung. Zuletzt überfielen in dem Landkreis am 12. September fünf Jugendliche ein Asylbewerberheim in Remshalden. In der Nacht zum 3. Oktober, dem »Tag der deutschen Einheit«, beschmierten Unbekannte die Gedenktafel für Heinrich Stahl, die an seinem Geburtshaus in der Straße Alt-Rudow im Berliner Stadtteil Neukölln angebracht ist. Sie sprühten außerdem Hakenkreuze und eine Rune an die Hauswand. Heinrich Stahl war von 1933 bis 1942 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Im Juni 1942 verschleppten die Nationalsozialisten ihn in das KZ Theresienstadt, wo er wenig später starb. Am 15. Oktober hat die Polizei in Berlin-Kladow 50 Flugblätter mit antisemitischem Inhalt sichergestellt. Auf den Zetteln, die hinter den Scheibenwischern von Autos klemmten, werden Juden für die Verseuchung des nahe gelegenen Groß Glienicker Sees und seiner Uferbäume verantwortlich gemacht. In der Nacht zum 12. Oktober wurde in der Gedenkstätte des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück bei Fürstenberg (Brandenburg) ein Denkmal mit rechtsextremistischen und antisemitischen Parolen beschmiert. Unbekannte besprühten eine Figur des Denkmals »Müttergruppe« mit dem Schriftzug »K 18«, der vermutlich auf die englische rechtsextreme Gruppierung Combat 18 verweist. Der Figur wurde außerdem ein Schild mit dem Schriftzug »Tod der ZOG« (Zionist Occupied Government) und einem durchgestrichenen Davidstern umgehängt. In Ravensbrück waren zwischen 1939 und 1945 mehr als 150000 Frauen inhaftiert, mehr als 10000 wurden hingerichtet. Zwischen dem 9. und dem 11. Oktober beschädigten unbekannte Täter einen jüdischen Friedhof in Gudensberg bei Kassel (Hessen). Mit roter Farbe sprühten sie Hakenkreuze und SS-Symbole sowie Nazi-Parolen auf 42 Grabsteine und die Gedenktafeln an der Eingangstür. Am 15. Oktober wurden auf einem jüdischen Friedhof in Michelstadt im Odenwald (Hessen) fünf Grabsteine umgestoßen. Die Polizei ermittelte vier tatverdächtige Personen zwischen 15 und 21 Jahren. Am gleichen Tag entdeckte die Polizei Beschädigungen auf einem jüdischen Friedhof in Beeskow (Brandenburg). Bisher unbekannte TäterInnen beschmierten die Umfriedungsmauern und mehrere Grabsteine mit antisemitischen und rechtsextremen Parolen. Das Bundesinnenministerium zählte im ersten Quartal dieses Jahres 222 antisemitische Straftaten.
[nur eine eingeschränkte Auswahl von Stellen aus der Jungle World - Rubrik "Deutsches Haus" Ausgaben 40-44]
[Musik] Mo., 3.11.03 - Mama
Spektakulär gutes Comeback: Der Relaunch von Tokyodawn. Ein Haufen guter neuer Musik zum runterladen und ein Album zum kaufen von dem ich ohne es bisher gehört zu haben einfach mal behaupte dass es nur die Platte des Jahres sein kann.
(achtung: Flash-Website, aber muss trotzdem)
[Unterwegs] Mo., 3.11.03 - Mama
In der Stadt gewesen und viele schöne Gebäude gesehen. Pommes gegessen. Auf einer Party gewesen, deren Veranstalterin gar nicht da war, weil sie in der Bar arbeiten musste in der wir vor der Party waren. Die halbe Bar ist dann irgendwann mit dem Wohnungsschlüssel zur dann losgehenden Party gezogen, ohne Veranstalterin. Auf dem Weg von einem belgischen Opa mit einem beherzten "Merdeux!" bedacht worden. Vielleicht wegen den besoffenen Iren, welche die ganze Zeit Lieder durch Brüssels nächtliche Strassen gröhlten. Viel getrunken ohne besoffen zu werden. Eine kotzende Spanierin vier Stockwerke runtergetragen. Im Atomium gewesen. Waffeln gegessen. Kamera in eine Pfütze geschmissen. Planlos durch die Bars gezogen. An der deutsch-holländischen Grenze von extrem unfreundlichen Polizisten ohne ein Wort der Erklärung auf Drogen gefilzt worden. Von T. zu einem Psychotest für bessere Bewerbungsgespräche genötigt worden.
: War gut.
[Unterwegs] Do., 30.10.03 - Mama
Weg nach dorthin. Zurück am Montag.
[Fernsn] Mi., 29.10.03 - Mama
Many babies are now immersed in electronic media for hours every day. In fact, more than a quarter of children under 2 have a television in their room, according to a large study of young children's media habits that was issued yesterday by the Henry J. Kaiser Family Foundation.
Artikel aus der NYT (kostenlose Registrierung nötig):A Growing Number of Video Viewers Watch From Crib
[hmm...] Mi., 29.10.03 - Mama
Your Temperament is Idealist : NF
Your variant temperament is Champion : ENFP
Expressive/Attentive: 5/5
Introspective/Observant: 8/2
Tough/Tender Minded: 4/6
Probing/Scheduled: 7/3
kommentare
Ich glaube, wir haben das jetzt beide gemacht.
gHack, 22.06.21, 11:33
20jahre.antville.org
tobi, 22.06.21, 09:35
Ja klar!
Mama, 22.06.21, 08:10
danke für den schönen text. darf ich den auf 20jahre verlinken?
tobi, 22.06.21, 06:28
Ist das sowas wie i-mode?
Mama, 29.05.14, 00:00
Internet kann man ja neuerdings mitnehmen. Dass WAP sich doch durchsetzen würde...?!
fernsehratgeber, 20.05.14, 21:43
musik
